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Erst heute – nach über 60 Jahren – habe ich mich entschlossen, mein Altwuhrower Tagebuch von 1945 drucken zu lassen,
damit es meine Enkel und andere Interessierte lesen können.
Als ich es 1985, nach 40 Jahren, vom Original abtippte, wollte
ich vor allem die deutsche Schrift, die ich damals noch geschrieben hatte, für die Kinder „übersetzen“. Heute ist es nun
so, dass Günter
dabei ist, einen
weiteren Band von
Reimars Lebenserinnerungen „Rückblick auf ein bewegtes Jahrhundert“
nach den vorhandenen Entwürfen
herauszugeben. Da
ist es jetzt sinnvoll,
dass wir mein „Altwuhrower Tagebuch“ und die Aufzeichnung von
Reimars „Marsch
nach Altwuhrow“,
die beide die erste
Zeit nach dem Krieg
zum Inhalt haben,
mit in die Reihe als
Band 3 aufnehmen.
Mein Tagebuch ist ja auch ein besonders authentisches Zeugnis dieser schlimmen Zeit, weil an jedem Tag direkt festgehalten wurde, was gerade geschah. Anders ist es mit Reimars „Marsch“. Da ist es sein besonderes Verdienst, diesen gefährlichen Fußmarsch durch das durchkämpfte Pommern hinterher so minutiös aufgeschrieben zu haben. Die Liebe zu seiner Frau und zu seiner Heimat haben Reimar die Kraft gegeben, diesen Wahnsinn zu wagen und an das Ziel zu ge- langen. Das gute Ende, dass wir zusammen heil und gesund aus Pommern herauskamen zu einem neuen Lebensanfang, hat ihn beflügelt, alles aus der Erinnerung aufzuschreiben.
Von dem weiteren Leben der Familie in Greifswald, wo drei Kinder geboren wurden, in Guttau, Dethlingen, und fast 40 Jahre in Bad Hersfeld, wo unser 5. Kind geboren wurde, und zuletzt in Caputh sollen die weiteren Bände erzählen.
Wenn man eine Verlustliste aufstellen würde, was wir alles durch den Krieg verloren haben, dann müsste man auch überlegen, wie anders das Leben für uns und unsere Kinder verlaufen wäre, wenn wir Altwuhrow noch hätten. – Wir sollten aber auch an eine Gewinnliste denken, von den Dingen, die wir von Altwuhrow aus nie erreicht hätten. Da ist vor allem die Möglichkeit zu nennen, sich intensiver als bisher mit der Musik zu beschäftigen, mein Orgelstudium in Greifswald, das Mitsingen der großen Oratorien bei Hans Pflugbeil, Götz Wiese und Siegfried Heinrich, Reimars Entdeckung der Gambe und des Consortspiels, sein Einsatz für 50 Museumskonzerte in Bad Hersfeld, seine Gründung der Kreismusikschule dort, seine 3-jährige landwirtschaftliche Siedlungsarbeit in Thailand, der Orgelbau mit dem Organologen Pfarrer Rössler in der Auferstehungskirche Bad Hersfeld, meine fast 40-jährige Kantorenarbeit dort mit Kindern, Erwachsenen und Orgelschülern und zuletzt das Leben in Caputh auf unserem Grundstück, umgeben von den 5 Kinderhäusern, Gründung der Konzertreihe „Caputher Musiken“ und die Restauration der alten Orgel in der Stüler-Kirche, auf der ich noch bis heute spielen darf. – Für dieses reiche, erfüllte Leben, trotz aller Umwege, sind wir sehr dankbar. Die meisten Menschen, die in den Texten von mir und Reimar erwähnt werden, sind inzwischen gestorben. Doch mit Mamas Patenkind Liesbeth Röcker, jetzt verheiratete Ladwig, und mit meinem Patenkind Irene Schwanz, jetzt Leffler, stehe ich noch in guter Verbindung.
März 1945
1.3.
Sturm. Durch Geschützdonner geweckt.
Tempelburg, Falkenburg total geräumt. Klaushagen
nachmittags Räumungsbefehl. Geschrieben: Reimar,
Mama, Wernigerode, Margot, G. Wenzel, Oldenburg.
Abends kommen Tetzlaffs zum Sekt. Ist es der letzte
Abend? Auch Grüneisens, Fischers, Frl. Inge, Hauptmann Sanner.
Räumungsbefehl für Neuwuhrow. Nachts noch Räumungsbefehl für Altwuhrow. Viel Einquartierung:
Volkssturm-Einquartierung, Herr Tetzlaff die ganze
Nacht unterwegs.
2.3.
Wunderbare Losung für heute: „Der Herr wird dich
immerdar führen und deine Seele sättigen in der Dürre und deine Gebeine stärken“ - Jesaja 58,11.
Großer Sturm. Ab 6 Uhr alles zum Abrücken fertig
gemacht. Wutziger rücken um 13 Uhr ab, Richtung
Dramburg. Kommen aber nicht weiter, da Straße bereits gesperrt. Der Russe ist im zügigen Vorgehen.
Wutzig wird abends aufgegeben.
Treckwagen eingeladen, gepackt ohne Licht. 8 Uhr
Abendbrot. Frau von Knobloch - Warlang - abgeholt,
die (zum Glück!!) Hauptmann Sanner mitnehmen will,
ebenfalls Frl. Inge. Werden in einem Tag über die Oder sein! Und wir?? Auch meine Briefe durch Sanner.
Unser Kutscher Franz fährt Frau Tetzlaff, mich und
meine Wirtin Erna Hahn im Kutschwagen; den Gummiwagen mit meinen Sachen fährt ein Franzose. Unser
Treck besteht aus ...Wagen, ...Menschen [leider keine
Zahlen], ca. 50 Pferden, 6 Ochsen. Rinder, Schafe und
Schweine sollten mit abtransportiert werden. Aber Herr Tetzlaff nimmt nur die Kühe mit, und er versorgt
das übrige Vieh mit reichlich Futter. Die Gefangenen -
80 Amerikaner - sollen morgen zu Fuß fortgeführt
werden.
Um 22 Uhr abgerückt in großem Sturm, brauchen bis
Ritzig [10 km] 3 Stunden, um 5 Uhr morgens in Charlottenhof [bei Klützkow - Herr Schlothe], das einzige
Gut der Umgegend, das noch einen Treck aufnehmen
kann.

3.3.
In Charlottenhof: Unser Treck kommt erst zwischen 7
und 8 Uhr an, wird auf Stroh untergebracht in 2 Räumen und Dielen. Ohne Herrn Tetzlaffs aufopfernde
Bemühungen wäre der Treck schon am ersten Tag
auseinander gerissen worden. Auf seinem Motorrad
war er unablässig bemüht, die Verbindung zwischen
den einzelnen Wagen herzustellen.
Unser Plan: 3 Uhr morgens Weiterfahrt über Schivelbein. Mit Frl. Hahn und einigen Frauen einen Kessel
Milchsuppe für alle gekocht. Franz soll die Alten und
Kranken abholen, da Gummiwagen kaputt ging,
kommt aber nicht zurück.
Mittag: Panzer beschießen Schivelbein und Tiefflieger
die Trecks auf den Straßen. Wir können alles von hier
aus beobachten. Der Ring ist zu, wir sitzen im Kessel!
Entsetzen und Aufregung unter den Leuten. Sie wollen unbedingt nach Altwuhrow zurück. Herr Köppen
kommt aufgelöst an: seine Familie ist in Schivelbein.
Nachts drängen Jaenke [Brenner] und Zühlsdorf [Gärtner] zur Rückfahrt. Tetzlaff will nicht.
[...]
11.3.
Reimars Geburtstag.
Unruhige Nacht: einer oder zwei schnarchen immer,
eine Maus knabberte, ein Kind weinte dauernd, dazu
Magenschmerzen und draußen furchtbarer Sturm, daß
das Haus erzitterte.
Wo mag Reimar sein? Noch in Sachsa? Oder einge-
setzt? Wenn man doch mal den Wehrmachtsbericht
hören könnte! Aber es gibt keinen Strom. Wir sind le-
bendig begraben. Aber Gott weiß alles! Er behüte
Reimar und führe uns noch einmal zusammen!
Aus Ritzig keine Nachricht, Pferde kommen auch
nicht, um uns zu holen.
[...]
16.3.
Gräfin Arnim geht mit 3 Männern nach Bramstädt und
fragt, was aus den Gersdorfern, die alle in Weißenbruch sind, werden soll. Die polnische Besatzung aus
Gersdorf bringt sie hierher zurück mit Pferd und Wagen. Sie nimmt alle Männer und Gräfin Arnim wieder
mit zurück zu Aufräumungsarbeiten. Wie kommen
wir mal nach Altwuhrow?
Nachmittags kommen Ritziger mit neuen Nachrichten:
Mein Wagen ist restlos ausgeplündert, aber von Deutschen! Die Altwuhrower Brennerei soll wieder im
Gange sein. In Ritzig haben Polen alle jungen Mädchen und Frauen vergewaltigt. Wir sind dankbar, nicht dort gewesen zu sein! Aber lange können wir
nicht mehr bleiben, ohne Nahrungsmittel!
17.3.
Martins Geburtstag, gesungen „Nun danket alle Gott“.
In Gräfin Arnims Zimmer genäht, gelesen, geschrieben. Frau Spiller hilft uns aus, wir dürfen von ihrem
Essen mitessen. Es ist furchtbar, um alles bitten zu
müssen. Wenn ich bloß Mama und Reimar mehr mitgegeben hätte! Aber es war damals alles schon gepackt
und zugenäht, die Trennung kam zu plötzlich.
Martin einen Pudding geschenkt und Häkchenspiel.
Er liegt noch im Bett.
Aus Gersdorf hört man: die Männer haben tüchtig zu
tun mit dem Wegschaffen der toten Pferde, Kühe usw.
Gräfin Arnim war noch nicht im Schloß.
Aufbruch und Gefangennahme
13. September 1945. Ich bestieg in Greifswald einen Zug
und fuhr bis Pasewalk, damals letzte Station in Richtung
Stettin. [Auf einer der Karten im Abschnitt Karten und Pläne
ist der Marsch eingezeichnet, siehe S. 219]. Dort fand ich eine
Lokomotive unter Dampf, die einen Güterzug nach Stettin
fahren sollte. Der Lokomotivführer erklärte sich damit einverstanden, daß ich auf dem Tender mitfuhr, übernahm aber keine
Verantwortung. Es muß am Spätnachmittag gewesen sein,
und der Lokführer hoffte, noch vor Morgengrauen über die
Oder zu kommen. Die Entfernung von Pasewalk bis Stettin
beträgt rund 30 Kilometer, das Unternehmen war demnach
nicht ganz aussichtslos.
Ich grub mich also im hinteren Teil des Kohlentenders in
die Kohlen ein, um unsichtbar zu bleiben. Mein Gepäck bestand aus einer weißen Wolldecke mit roten Streifen, einem
Rucksack und den folgenden Gegenständen: einem Jugendherbergsausweis der Stadt Falkenburg aus dem Jahr 1938 mit
Bild, damals jugendfrisch [als Personalausweisersatz] - meinen
Entlassungsschein aus amerikanischer Gefangenschaft hatte
ich vorsichtshalber in Greifswald gelassen -; einem Feuer-Versicherungsschein für das Gut Altwuhrow, auf meinen
Namen lautend, zum Beweise, daß ich der Eigentümer war;
eine Bibel, ein „Neues Lied“, eine Büchse Wehrmachtsgänsebraten, eine Büchse Schmalzfleisch, ein Brot. In meiner Jackentasche befanden sich ein Päckchen Süßstoff und zwei Zigarillos -
in diesen Monaten eine Kostbarkeit.
Der Lokomotivführer hatte sich verkalkuliert; der Zug
stand fast die ganze Nacht in Pasewalk auf dem Bahnhof und
brauchte viele Stunden für die 30 Kilometer. So wurde es
vormittags 11 Uhr, als wir uns Stettin zu nähern schienen.
Inzwischen waren fast alle Kohlen verbraucht, ich konnte mich in dem Rest nicht mehr verbergen. Die Lokomotive wurde
abgehakt und fuhr mit dem Tender ohne Zug weiter. Ein
russischer Posten mit Maschinenpistole bestieg die Lok, sah
mich und legte die Maschinenpistole auf mich an, bedeutete
mir unmißverständlich den Tender zu verlassen. Ich mußte
während der langsamen Fahrt nach rückwärts heruntersteigen
und abspringen, konnte aber Decke und Rucksack dabei noch
mitnehmen.
Dies geschah genau auf der Kreuzung Eisenbahn/Straße bei
Scheune südwestlich Stettin. Ich muß schwarz wie ein Neger
ausgesehen haben nach der Nachtfahrt in den Kohlen und
dauernd im Rauch der Lokomotive. Sofort griff mich ein
polnischer Posten auf, der wahrscheinlich die Bahn/Straßenkreuzung bewachte, schleifte mich in ein Haus, was sich angeblich Wache nannte zum Verhör durch die polnische Miliz.
Die Milizionäre trugen keine Uniform, hatten aber Koppel
umgeschnallt und waren mit alten Pistolen 08 ausgerüstet, die
sich sehr gut auch zum Schlagen eignen. Nur einige hatten
auch Militärmützen auf dem Kopf.
Das Verhör spielte sich im Wesentlichen tätlich ab. Ich hatte weiter nichts dazu zu tun, als Prügel zu empfangen. Ich
hatte auch am ersten Tag kaum Antworten zu geben, sondern
brach verhältnismäßig bald zusammen. Meine Brille hatte ich
nach früheren Erfahrungen schon in die Rocktasche gesteckt.
Man sah ohne Brille weniger intelligent aus. Außerdem hatte
ich mir einen kleinen Schnurrbart wachsen lassen.
Nachdem ich zusammengebrochen war, landete ich in einem Kellerloch. Man erreichte es über eine Hühnerstiege, es
war oben durch eine Bodenklappe verschlossen, völlig dunkel, etwa 2 mal 3 Meter im Grundriß. Der erhebliche Unrat,
der dort lag, stank entsetzlich. Menschen, die festgehalten
wurden, hatten ja keine Möglichkeiten, auszutreten, als dort unten. Außer mir befand sich dort noch ein junger Pole. Wir
setzten uns nebeneinander auf ein Holzbrett. Er hatte lange
Weile und fragte mich, ob ich nicht ein Messer hätte, er wolle
sich irgendetwas schnitzen. Sehen konnte ich ihn nicht, es war
stockfinster. Ich zog aber mein Messer heraus. Er fühlte es ab
und zog sein eigenes Messer heraus. Meines war etwas länger
als seins. Er meinte, wir sollten doch zum Zeitvertreib eine
Messerstecherei anfangen, das sei doch ein hübsches Gesellschaftsspiel. Ich konnte ihm in Ruhe klarmachen, daß wir
beide in ziemlich mieser Lage seien und denen da oben nur
einen Gefallen täten, wenn wir uns gegenseitig blutig stechen
würden. Das sah er dann ein und gab nach. Er konnte, wie
alle Polen, [das war mein damaliger Eindruck von Stettin her]
leidlich deutsch. Im Laufe des Abends schlug er solchen
Krach, daß er raufgebracht wurde. Ich hatte dann meine Bank
dort unten für mich allein, legte mich drauf und habe tatsächlich auch geschlafen, bis es oben mordsmäßigen Lärm gab.
Durch die Ritzen merkte ich, daß es schon Morgen war. Die
Luke tat sich auf, und ein junges Weibsbild wurde heruntergestoßen, eine Polin. Als sie feststellte, daß sie dort unten nicht
allein war, erhob sie ein fürchterliches Gebrüll. Daraufhin
holte man sie nach etwa einer Viertelstunde herauf, weil man
das Brüllen nicht mit anhören wollte. Mit mir hat sie sich
nicht weiter befaßt. Ich wartete noch einige Zeit ab und ruhte
mich ruhig aus. Die Erfahrung dieser Jahre hatte uns gelehrt,
in einer solchen Lage immer Kräfte zu sammeln, solange es
möglich war. Nach einer Weile klopfte ich von unten gegen die
Luke und sagte, ich müsse mal raus.
Darauf wurde ich nach oben gelassen und zum zweiten
Verhör in ein Nebenzimmer geführt. Es begann damit, daß
man mir den Hut vom Kopf schlug - weshalb ich ihn überhaupt auf dem Kopf hatte, weiß ich nicht. Man deutete auf den polnischen Doppeladler gegenüber an der Wand, den ich nicht
beachtet hätte. Das Verhör begann [und endete] mit den
Worten: „Wie lange du Soldat?“ - Ich antwortete: „5 Jahre
oder 6.“ – „Und dann noch nicht tot, deutsches Schwein?“ Mit
dem Schaft der umgedrehten Pistole 08 schlug man mir zunächst ins Gesicht, dann hauptsächlich auf den Rücken. Den
Gefallen, zusammenzubrechen, tat ich ihnen diesmal ziemlich
bald [bewußt]. Da ich meine Brille in der Tasche trug, passierte
nichts Wesentliches. Vor allem am Rücken wurde ich allerdings grün und blau geschlagen und konnte mich anschließend kaum bewegen.
Als ich, am Boden liegend, wohl keine Reaktion mehr zeigte, dachte ich, nun würde ich wieder in das Loch heruntergestoßen. Aber irgendeine Tür tat sich auf, und ich flog rückwärts in die Gegend und landete draußen außerhalb des Hauses. Dann tat sich die Tür nochmals auf, und mein Rucksack
mit Decke, flog hinterher. Beides hatte ich nicht mit im Kellerloch gehabt, man hatte es mir abgenommen.
Ich befand mich in Freiheit! Es war klar, daß ich so schnell
wie möglich von diesem gastlichen Ort wegstrebte, ich ging
über die Bahnschienen, auf denen ich festgenommen worden
war, auf die andere Seite des Ortes und dort hinter eine
Scheune - in Scheune! Da setzte ich mich erst einmal hin,
sammelte meine Knochen zusammen und überdachte die
Lage. Ich stellte fest, was in meinem Rucksack noch drin war:
Dreiviertel Brot hatten sie drin gelassen, die schönen Konserven waren raus. Aber wenigstens die Decke hatte ich wieder,
Bibel und das „neue Lied“ waren drin und unbeschädigt.
Mein Päckchen Süßstoff und die beiden Zigarillos hatte ich in
der Rocktasche, ebenso den „Ausweis“, sowie einen russischen Passierschein nach Ganzer, der später noch eine wichtige Rolle spielen sollte.
Daraufhin schlug ich die Bibel auf, ohne in der Lage zu sein,
viel drin herumzublättern und stieß - wirklich zufällig - auf die
Klagelieder Jeremia, Kap. 3. Man mag dieses Kapitel nachlesen. Wer es tut, wird feststellen, daß es bis hinein in Einzelheiten die Situation beschreibt, in der ich mich damals befand. Nicht nur die sehr bekannten Verse 22 ff: „Die Güte des
Herrn ist’s, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit
hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu…“; sondern
noch konkreter Verse 52 ff: „Meine Feinde haben mich gehetzt
wie einen Vogel ohne Ursache; sie haben mein Leben in einer
Grube schier umgebracht und Steine auf mich geworfen, sie
haben auch mein Haupt mit Wasser überschüttet; da sprach
ich: Nun bin ich gar dahin. Ich rief aber deinen Namen an,
Herr, unten aus der Grube, und du erhörtest meine Stimme:
Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und
Schreien! Du nahest dich zu mir, wenn ich dich anrufe und
sprichst: Fürchte dich nicht.“
Hinzugefügt aus der Sicht 1985: Natürlich kann man diesen
augenscheinlichen Zusammenhang als einen Zufall abtun, wie
das Aufschlagen gerade dieser Bibelstelle. Ich tat das damals
nicht. Im Bericht von 1958 steht jedenfalls wörtlich, daß diese
Verse in mir den Entschluß reifen ließen, daß ich nun anfangen
sollte, rüberzugehen. Denn bisher war ja dieser Entschluß
etwas infrage gestellt gewesen.
Und als ich noch am Lesen war, kam von links ein Mann in
einem blauen Monteuranzug, der einen vertrauenerweckenden Eindruck machte. Er war auch ganz gut ernährt [damals
nicht selbstverständlich]. Er setzte sich neben mich und fragte,
was ich denn so vorhätte. Ich sagte ihm, ich wolle eigentlich
über die Oder herüberkommen, um meine auf der anderen
Seite gebliebene Frau herauszuholen. Seine Antwort war: „Das
will ich ja auch.“ Es war Robert Falk, Schlossermeister aus Plathe in Hinterpommern. Er glaubte zu wissen, daß seine
Frau noch zu Hause wäre.
Da verbündeten wir uns beide und gingen zusammen los.
[...]
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