Ausschnitt aus einem Besuch des 300 Jahre jungen St. Petersberg

Reimar v. Zadow, 24.5.2003

Wir betraten das Bernstein-Kabinett zwei Wochen früher als George W. Bush mit Gefolge.

Wir können der Familie berichten: Es ist fertig gestellt. Der kleine Raum ist oberhalb von zwei Metern sogar zu besichtigen. In dem sehr hohen Raum wurde in diesem Bereich und an der prächtigen Decke mit Gold nicht gespart. Nur unterhalb von zwei Metern Höhe sind die Wände noch zugestellt und bleiben dem Besucher verborgen.

Das Bernstein-Kabinett gehört zu der sehr langen Reihe an Gemächern im Katharinenschloss Zarskoje Selo, einem der Sommersitze Peters des Großen. Dieser Ort heißt heute "Puschkin", weil Alexander S. Puschkin (1799 - 1837) das dortige Lyzeum (Gymnasium) besucht hat.

Wir waren verzaubert von der Schönheit dieses so weit ausladenden und dabei vornehm eleganten Barockbaus, den Peter der Große seiner Gemahlin in 2. Ehe, Katharina der Ersten, als Sommerresidenz errichten ließ. In Blau-Weiß-Gold erstrahlt das Schloss "wie ehedem", so unsere Führerin, eine Historikerin, welche die so schwierige Romanow-Genealogie in hervorragendem Deutsch geduldig mehr als einmal vor uns ausbreiten konnte.

Schon beim Herabschreiten der langen Gangway von unserem Kreuzfahrtschiff "Albatros" wurde es feierlich: Eine russische Militärkapelle begrüßte uns mit schneidigen preußischen Märschen. Als die 14 voll besetzten Busse (davon mindestens neun aus unserem Schiff) sich am Parktor entladen hatten und wir uns nun, im lang andauernden Stau, sehr langsam dem Schlossportal nähern konnten, waren es sehr gute Bläser, diesmal in zaristischen Uniformen, die uns mit vertrauten alten Klängen empfingen und geduldig ein ganzes Schlosskonzert darboten.

So stellte sich St. Petersburg vor. Wir wussten an diesem ersten Nachmittag noch nicht, wie uns diese junge Stadt - vor 300 Jahren von Peter dem Großen gegründet und im Sumpf-Delta der Neva planmäßig errichtet - freundlich empfangen wollte, voller Stolz auf ihr hinreißend schönes Straßenbild mit der Fülle von Kirchen, Palästen und vornehmen Residenzen bedeutender Politiker und Künstler, ein Höhepunkt an Grandezza und gutem Geschmack.

Unendlich viel wäre darüber zu berichten. Doch brauchte man mindestens eine Woche, um auch nur oberflächlich das Füllhorn der Eremitage zu überblicken. Deshalb ließen wir das lieber ganz.

Wir meinen, dies war die letzte größere Reise unseres Lebens. Vieles fiel durch ungünstiges Wetter buchstäblich ins Wasser, wie Danzig, Königsberg und Reval (Tallinn). Aber St. Petersburg allein, präsentiert auch noch im schönsten Sonnenschein, macht die ganze Unternehmung lohnend, auch wenn sie unsere Kräfte manchmal überfordert hat.

Aber es gab auch verwandtschaftliche Beziehungen wahrzunehmen: Die Urgroßmutter meiner Frau, Amalie Draeger, geborene Kemper, ist bereits in der Weberkolonie "Friedensthal" zur Welt gekommen, und war damit Einwohnerin von Zarskoje Selo. Ihr Vater, Abraham Kemper, war dem Ruf des Zaren (Alexander des Ersten, 1801-1825) gefolgt, in Zarskoje Selo sich und andere deutsche Bandweber anzusiedeln. Die Kolonie entstand 1818. Ihr späterer Ehemann Fritz Draeger ging aus Berlin ebenfalls in jungen Jahren nach St. Petersburg, um sich dort als Lithograph anzusiedeln. Auch er folgte nach Jahren dem Ruf des nächsten Zaren, Nikolaus des Ersten, nun von Petersburg nach Moskau, um dort den Thronschatz der Zaren in einem großen Werk festzuhalten, welches an alle Höfe verschickt wurde. Als junger Mann in St. Petersburg eingetroffen, schreibt er an seinen Vater nach Berlin (1837): „Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was für eine riesige Stadt das hier ist. Alle Straßen mindestens so breit, wie 'Unter den Linden’. Berlin ist ein Nichts dagegen.“ Tatsächlich wissen wir, dass die in einem Sumpf-Delta errichtete Stadt schon 50 Jahre später größer war als Paris. Die Vorfahren meiner Frau haben also auch das Katharinenschloss gekannt, mindestens von außen. Das Bild der Urgroßmutter, ein besonders gutes Porträt, ist hier fester Bestandteil und so blickt sie uns im Wohnzimmer kritisch an.

Das also war der erste "Verwandtenbesuch" in St. Petersburg.

Eine weitere Verwandten-Begegnung fand bei allen Abend-Diners der letzten Tage statt, denn wir hatten diese Reise zusammen mit unseren Verwandten aus Hamburg angetreten. Wir saßen alle vier in demselben Boot, was allerdings 185,40 m lang ist und 24.803 BRT trägt, das heißt 800 Passagiere und 350 dienstbare Geister, welche den häufig schon etwas wackeligen Gästen hilfreich und immer freundlich und äußerst aufmerksam zur Seite stehen.